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xangor
 
 
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xangor
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24.07.19 00:41
xangor

Das Pfingst-Märchen

Hallo zusammen,

Wenn man in Internetdiskussionen allgemein und spezielle auf Jesus.de gelegentlich behauptet die historisch-kritische Theologie/Exegese/Methode/Tradition würde/könnte u.a. bedeuten an der Bibel Sachkritik zu üben d.h. nicht mehr zu glauben was die Bibel berichtet, wird einem schnell Polemik und/oder Unkenntnis unterstellt.

Dass an diesem (Vor)Urteil durchaus doch etwas dran sein könnte hat jüngst der landeskirchliche Bischof Markus Dröge in der WDR-Dokumentation „Die Kirche und die Rechten“ eindrucksvoll belegt.

Mit dem Verweis aus eine 100jährige (historisch-kritische) Tradition wies er ein wörtliches Verständnis der Jungfrauenzeugung als „unhistorisch“ und „fundamentalistisch“ zurück.

„Historisch“ bedeutet für Bischof Dröge offensichtlich „naturalistisch“ im Sinne eines kausal-mechanischen Weltbildes, welches echte Wunder nicht zulässt. ( Analogie- und Korrelations-Kriterien )

Es ist schon erschreckend:

Ein landeskirchlicher Bischof verlässt nicht nur den Boden ökumenischen Christentums, sondern diffamiert Christen die sich darauf befinden als „fundamentalistisch“ ähnlich wie fundamentalistische Muslime.

Dass es sich dabei nicht um einen exotisch-exklusiven Einzelfall Dröge handelt zeigte die Doku auch:

Alle (!) landeskirchlichen Pastoren werden im Sinne der historisch-kritischen Tradition(en) an den Universitäten ausgebildet.

Und schon vor den Aussagen Dröge gab es diesem Jahr zu Pfingsten einen sehr aufschlussreichen Beitrag des evangelischen Magazin „chrismon“ in der Form eines Blog Textes seines Chefredakteurs und geschäftsführender Herausgebers Arnd Brummer den ich hier kommentieren und zur Diskussion stellen möchte:

„Pfingsten - alles erfunden?“

„chrismon“ (genau wie evangelisch.de) sind offizielle Medien der EKD. Herausgeber sind die Synodenpräses Irmgard Schwaetzer, die Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, Annette Kurschus und der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm.

Auszüge:

Brummer

„Pfingsten!“ Wolfgang, mein Kumpel aus uralten Zeiten, war richtig in Fahrt. „Das ist doch alles erfunden. Dieses Apostel­treffen in Jerusalem hat sich dieser Grieche ausgedacht, dieser Evangelist Lukas. Der war nie in Jerusalem, hab ich gelesen.“ Ich gab ihm recht, was Wolfgang verwirrte. (…)

„Du gibst tatsächlich zu, dass sich dieser Lukas die Pfingststory nur ausgedacht hat?“ Ja, das halte ich für wahrscheinlich, ließ ich Wolfgang wissen. Ich würde lediglich das „nur“ vor „ausgedacht“ streichen. „Das sagst du. Und du behauptest, Christ zu sein. Ihr Christen, gerade die evangelischen, müsst doch die Bibel Wort für Wort glauben.“ Ja, stimmt, war meine Antwort. „Aber du hast doch gerade bestätigt, dass die Geschichte nicht wahr ist, genauso wenig wie vermutlich die von Weihnachten – übrigens auch ­Lukas.“ Nein, das habe ich nicht bestätigt. „Komm, fang jetzt nicht an, spitzfindig zu werden! Kirchengeschichtler – Kirchen­geschichtler! – sagen, dieser Lukas habe seine Geschichten vermutlich so um 90 nach Christi Geburt aufgeschrieben, 50 bis 60 Jahre nach diesem sogenannten Pfingsten und zwar irgendwo in Griechenland, in Theben oder so.“

Ich nickte. Lukas hat sich die Pfingstszene in der Apostelgeschichte ausgedacht und die Bethlehemgeschichte am Beginn seines Evangeliums ebenso. Beide sind historisch nicht belegt. Und dennoch sind sie wahr.



An dieser Stelle lohnt es sich bereits einiges zu kommentieren:

1. Lukas als Historiker

Es steht Herrn Brummer natürlich frei nicht glauben zu wollen wovon die Bibel berichtet.

Die Unterstellung Lukas habe sich Weihnachten und Pfingsten „ausgedacht“ widerspricht allerdings fundamental dem Selbstanspruch des Lukas.

Wir finden diesen im Lukasprolog (Lk. 1,1-4) und er gilt für Evangelium und Apostelgeschichte.

Lukas hat demnach als antiker Historiker wirklichkeitstreu berichtet.

A.D. Baum schreibt dazu:

Baum

Lukas kann, nachdem er gründliche Nachforschungen angestellt hatte (1,3a), die auch die Befragung von Augenzeugen (1,2) einschlossen, nun in seinem Evangelienprolog (1,3b) dem Theophilus ankündigen, daß er
ihm im folgenden eine wirklichkeitsgetreue Darstellung des Lebens Jesu geben wird, die mit der von ihm beschriebenen historischen Wirklichkeit kongruent bzw. deckungsgleich ist. Lukas hat seinen eigenen Angaben nach Jesu Erdenleben ausdrücklich so beschrieben, „wie es eigentlich gewesen“ ist (Ranke).

Und nach dem, was wir oben in den Abschnitten 2 und 3 festgestellt haben, darf sein Streben nach Tatsachentreue oder Wirklichkeitskongruenz nicht von vornherein als schwächer oder unschärfer als das eines modernen Historikers eingestuft werden.
Sein historischer Wahrheitsbegriff und seine historiographische Methode waren mit unserer
neuzeitlichen im Prinzip durchaus kompatibel.

Es besteht kein Anlaß zu der Annahme, daß Lukas bei der Abfassung seines Evangeliums aufgrund seiner Zeitgebundenheit weniger exakte Ergebnisse erzielt hat, als wir es heute von einem Historiker erwarten würden.

Lukas als antiker Historiker



2. Die Datierung der Apostelgeschichte

Das Kirchengeschichtlicher sagen „Lukas habe seine Geschichten vermutlich so um 90 nach Christi Geburt aufgeschrieben“ ist durchaus möglich.

Aber die Datierung der neutestamentlichen Schriften ist traditionell keine Frage der Kirchengeschichte, sondern der Einleitungswissenschaften.

Und die sind ebenso traditionell umstritten zwischen historisch-kritischer und evangelikaler Theologie.

Diese Diskussionen hier zu führen würde den Rahmen sprengen.

Hinweisen möchte ich aber auf die Dissertation von Alexander Mittelstaed „Lukas als Historiker“ (francke) die zu anderen Ergebnissen kommt als Brummer sie vertritt.

Seine gründliche Analyse aller Quellentext zeigt, dass sowohl die Autorenschaft des Arztes Lukas für das zu Recht so genannte lukanische Doppelwerk als auch die frühe Entstehungszeit fundiert sind.

Ein Großteil der Arbeit am Doppelwerk wurde gemäß Mittelstaedt ca. 57-59 n.Chr. geleistet und seine Fertigstellung ist ca. auf 62-64. n.Chr. zu datieren.

3. Die Glaubwürdigkeit der Apostelgeschichte

Die Behauptung die biblischen Berichte über Weihnachten und Pfingsten seinen „historisch nicht belegt“ entlarven Brummer als radikalen Bibelkritiker.

Die Bibeltexte selber sind ja historische Belege und sie beanspruchen historische Glaubwürdigkeit. (Lukas 1,1-4)

Ob man diesem Anspruch zustimmt oder nicht ist (auch) eine Frage von Glaube und Unglaube.

Es ist die typisch postmoderne "Hermeneutik des Verdachts" (Willam Dever) mit der hier Bibeltexte betrachtet werden.

Nicht-biblische Texte nimmt man gerne für bare Münze, aber die Bibel scheint automatisch für schuldig befunden wird, wenn nicht ihre Unschuld bewiesen wurde.

Die Althistorikerin Helga Botermann hat das mal sehr schön beschrieben:

Botermann

Seit Jahren bin ich schockiert über die Art, wie die Neutestamentler mit ihren Quellen umgehen. Sie haben es geschafft, alles so in Frage zu stellen, daß sowohl der historische Jesus wie der historische Paulus kaum noch fassbar sind. Wenn die Althistoriker diese Maßstäbe übernähmen, könnten sie sich gleich verabschieden. Es gäbe nicht mehr viel zu bearbeiten....Wenn die Althistoriker ihre Quellen so kritisch *bearbeiten* wie die meisten Theologen das Neue Testament, müssten sie die Akten über Herodot und Tacitus schließen

(...)

In meinem ersten Proseminar im Sommersemester 1958 - und dies wiederholt sich in jedem Semester in den von mir geleiteten Seminaren - wurde von Hermann Heimpel die Frage aufgeworfen, wie der Historiker mit seinen Quellen umzugehen habe. Natürlich sagten alle: kritisch. Ja, aber was heißt das? Ich war sehr erstaunt und habe es deshalb nie vergessen: die Quelle hat zunächst grundsätzlich Anspruch auf Glaubwürdigkeit. Der Kritiker trägt die Beweislast. (...)

Aus den vorstehenden Erörterungen sind drei Punkte festzuhalten: 1. Lukas will einen wahrheitsgemäßen Bericht geben. 2. Seine Darstellung schöpft weitgehend aus Augenzeugenberichten. Teilweise sind eigene Erinnerungen verwendet. 3. Er schrieb für eine zeitgenössische Leserschaft, die aus Erzählungen oder aus eigener Kenntnis ein Urteil von den
Dingen besaß. Es besteht also keine Veranlassung, seiner Geschichtserzählung von vornherein mit einem pauschalem Skeptizismus zu begegnen und Lukas die Beweislast zuzuschieben. (...)

Der Heidenapostel und sein Historiker



Es gibt also auch gute Gründe vor der historischen Zuverlässigkeit der Apostelgeschichte auszugehen.

4. Glaube oder Unglaube

Nun möchte Herr Brummer ja aber ausdrücklich nicht als „ungläubig“ gelten. Schauen wir uns also einen weiteren Auszug seines Text an:

Brummer

„Ich bin Jurist“, konterte Wolfgang, „ich glaube, was sich belegen lässt. Was sich nicht belegen lässt, kann ich für möglich halten, für wahrscheinlich, für unwahrscheinlich. Glauben kann ich es nicht.“

Nein, ich frage nicht nach Beweisen

Das unterscheidet uns. Ich kann glauben, was ich für wahr halte. Und den Wahrheitsgehalt einer Geschichte erkenne ich an ihrer Wirkung, an dem, was sie mir vermittelt – daran, ob sie mich erreicht. „Da kann dir also jemand das Blaue vom Himmel runtererzählen und du sagst: schön. Du fragst nicht nach Beweisen?“ Nein, tue ich nicht.

(…)

Glaube ist eine Sache der Offenbarung. Wenn sich einem ­Menschen in einem Gedicht, in einer Sinfonie, in einem Bild oder in einer biblischen Geschichte etwas offenbart, was ihn bewegt, beeindruckt, rührt oder ins Zweifeln stürzt, dann wird es nicht dadurch falsch, dass es weder „historisch“ noch „wissenschaftlich“ beweisbar oder belegbar ist.

(…)

Und was ist wahr an Pfingsten?“

(…)

Na ja: Ein paar Wochen nach Kreuzigung und Auferstehung ließ Jesus seine Freunde allein zurück – mitten in einer Umgebung von misstrauischen, kritischen oder gar feindlich gesinnten Menschen. Sie trafen sich. Sie hatten Muffe. Sie sahen einander an, sie bestärkten einander. Und da spürten sie, wie stark das macht: ­einander zu lieben, miteinander neue Hoffnung zu schöpfen, an ein gutes Ende der Geschichte zu glauben. Sie wurden fröhlich, sie sangen und begannnen, die Botschaft von der Liebe allen zu er­zählen. Sie waren plötzlich so gut drauf, dass die Passanten meinten, sie seien betrunken. „Das ist wahr“, unterbrach mich Wolfgang, „und wenn sie nicht gestorben sind, erzählen das die Christen noch heute.“ Dem war nichts mehr hinzuzufügen.



Wolfgang hätte kritisch bleiben sollen….

Was Herr Brummer uns hier präsentiert sind völlig andere Definitionen von „Offenbarung“ und „Glauben“ als wir sie in der Bibel finden.

Biblischen Glauben gibt es nicht losgelöst von den historischen, großen Taten Gottes. (Apg. 2,11)

Das macht neben Lukas beispielsweise auch Paulus in 1. Korinther 15 sehr deutlich:

Ohne die historisch, leibliche Auferstehung Jesu ist der christliche Glaube hinfällig. (1. Kor. 15,19)

Gott handelt in der Geschichte. Das ist die Grundüberzeugung aller biblischen Autoren.

„Offenbarung“ im biblischen Sinne bedeutet nicht nur, dass mich irgendein Text irgendwie bewegt, sondern, dass Gott sich mitteilt „vielfach und auf vielerlei Weise“ (Heb. 1,1ff.)

Ja, er wird sogar Mensch in Raum und Zeit, in Jesus Christus. (Joh.1,1ff)

Dafür liefern die neutestamentlichen Evangelien die zuverlässigen historischen Fakten. (Lk. 1,1ff.)

Diese sollen natürlich nicht nur zur Kenntnis genommen werden, sondern zum Glauben an Jesus als Messias führen.

Johannes

John 20:30 Noch viele andere Zeichen tat Jesus vor seinen Jüngern, die nicht geschrieben sind in diesem Buch. 31 Diese aber sind geschrieben, damit ihr glaubt, daß Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen.



Aber ohne dieses historische Fundament wäre das Evangelium gegenstandslos. Es *verdampft* zu einer hohlen Botschaft ohne Relevanz für die Realität.

Es ist kein Zufall, dass der Text von Herrn Brummer auch mit einer Märchen-Formulierung endet:

„und wenn sie nicht gestorben sind“

Er „glaubt“ an die Bibel wie an (natürlich erfundene) Märchen die ihn auch „bewegen, beeindrucken“ etc. können.

Mit dem biblischen Glaubensbegriff des einen, rettenden Evangeliums (Gal. 1,1ff.) hat das – wie schon gesagt – nichts zu tun.

A.D. Baum beschreibt es richtig:

Baum

Zum Abschluß möchte ich noch kurz auf die Bedeutung eingehen, die Lukas der Wirklichkeitstreue seines Evangelienbuches im Blick auf seine Leser beimißt.

Im letzten Vers seines Prologs nennt er als dessen Zwecke: „damit du die Sicherheit der Worte, über die du informiert worden bist, erkennst“.

Mit den „Worten“ dürften die christlichen Lehrsätze, „die spezifisch christlichen Lehrstücke“ gemeint sein.

Theophilus soll erkennen, daß das, was er über das Leben und Heilswirken Jesu erfahren hat, zuverlässig verbürgt ist und ein festes historisches Fundament hat.

Die theologischen Lehraussagen der urchristlichen Gemeinde können nur darum einen plausiblen Wahrheitsanspruch erheben, weil sie fest in der Historie verankert sind. In dieser Überzeugung schreibt Lukas sein Evangelium.

Glauben ohne Fakten?

Der Widerspruch gegen diesen lukanischen Standpunkt hat in der deutschen Geistes- und
Theologiegeschichte einen festen Platz. (…)

Für denjenigen aber, der die biblischen Aussagen grundsätzlich als maßgebend für sein Leben
als Christ anerkennt, stellt die Verankerung der von ihm geglaubten Inhalte in der Historie die
unverzichtbare Basis seines Glaubens dar. Und daher ist es nicht ohne Bedeutung, daß Lukas in
einer Weise historische Forschung betrieben hat, die auch dem Wahrheitsanspruch des heutigen,
kritisch denkenden Menschen gerecht wird.

Um es abschließend mit einem prägnanten Wort
Luthers zu sagen: „Aus der Historie muß der Glaube aufgebaut werden“

Lukas als antiker Historiker



Damit sind die Diskussionen eröffnet

sdg
Marc

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